Die Realschule repariert, was das Bildungssystem beschädigt
erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 27.04.2026., 2.
Zuerst müssen wir das Selbstwertgefühl unserer neuen Schülerinnen und Schüler stärken – erst dann kann Lernen beginnen.» Diesen Satz höre ich von Realschullehrkräften immer wieder. Was zunächst wie eine Floskel klingt, ist in Wahrheit eine präzise Diagnose unseres Bildungssystems. Er zeigt, wie verletzlich viele Jugendliche beim Eintritt in die Realschule sind (in manchen Kantonen Sek C genannt) – und welches Gewicht schulische Selektion für die Entwicklung des Selbstbildes hat.
Selbstwertgefühl lässt sich nicht vermitteln wie Stoff
Kinder, die der Realschule zugeteilt werden, haben oft verinnerlicht, dass sie nicht in die höheren Leistungszüge gehören. Hinter vielen stehen Erfahrungen von Entmutigung und das wiederkehrende Gefühl des Nichtgenügens. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist die Realschule selten ein neutraler Ort. Sie ist ein Etikett. Manche tragen es wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in sich: «Ich bin zu wenig intelligent.»
Es ist daher kaum Zufall, dass Realschullehrerinnen und -lehrer zunächst reparieren müssen, was das System beschädigt hat. Selbstwertstärkung ist kein Zusatz, sondern das Fundament, auf dem Lernen überhaupt erst wieder möglich wird.
Diese Arbeit ist anspruchsvoll. Denn Selbstwert lässt sich nicht vermitteln wie Stoff. Er entsteht im Erleben, nicht im Zureden. Lehrkräfte berichten von kleinen, aber entscheidenden Schritten: vom ersten gelungenen Text, von Momenten, in denen Jugendliche erleben, wie ihre Stärken sichtbar werden – etwa im Lernen durch Machen. Selbstwert ist nicht Voraussetzung von Erfolg, sondern sein Nebenprodukt.
Realschullehrkräfte und ihr Widerstand Jugendliche hätten zu wenig Potenzial
Dabei zeigt sich ein Paradox: In der Realschule beheben Lehrkräfte die Folgen eines Systems, dessen Logik sie nicht bestimmen können. Sie versuchen, Vertrauen aufzubauen, das durch frühe Selektion erschüttert wurde. Damit praktizieren sie eine Form von Wertschätzung, die viele Jugendliche bisher vermisst haben: dass ihr Bildungsweg zählt – auch wenn die Realschule als «unterste Stufe» markiert wird. In diesem Engagement liegt auch ein Moment des Widerstands. Lehrpersonen stellen sich gegen die Vorstellung, diese Jugendlichen hätten zu wenig Potenzial.
So besehen ist der Satz «Zuerst müssen wir das Selbstwertgefühl stärken» mehr als eine pädagogische Einsicht – er ist auch ein leiser Protest. Denn er macht sichtbar, wie stark Schule die Identität von Jugendlichen prägt und wie schwer es jene haben, die einer «Restschule» zugeordnet werden. Zugleich verweist er auf die zentrale Rolle der Lehrpersonen: Sie vermitteln nicht nur Wissen, sondern helfen jungen Menschen, wieder an sich zu glauben. Das ist entscheidend, denn Realschülerinnen und Realschüler haben nach wie vor ein höheres Risiko als Jugendliche in anspruchsvolleren Leistungszügen, keinen Abschluss der Sek-II-Stufe zu erreichen.
Warum ist Selbstwertarbeit überhaupt notwendig?
Doch das Bild ist nicht nur düster. Es gibt eine zweite Perspektive – und sie ist ermutigend. Viele aus der Realschule blühen in der Berufslehre auf. Plötzlich werden Fähigkeiten sichtbar: handwerkliches Geschick, räumliches Denken, Problemlösefähigkeit. Lernen erhält unmittelbaren Sinn, Leistung wird sichtbar, Erfolg konkret erlebbar. Ein Beispiel dafür sind die Schweizer Berufsmeisterschaften (SwissSkills): In unserer Studie aus dem Jahr 2020 verfügten 20 Prozent der Teilnehmenden über einen Realschulabschluss – ein Drittel von ihnen gewann sogar eine Medaille. Die Berufslehre wurde so zur zweiten Chance!
Am Ende stellt sich nicht die Frage, wie intensiv Selbstwertarbeit sein muss – sondern warum sie überhaupt nötig ist. Solange die Realschule strukturell abgewertet wird, bleibt Selbstwertstärkung ein notwendiger Gegenstrom. Gefragt ist ein Bildungssystem, das gar nicht erst so viel beschädigt: eines, das die Realschule nicht als Restkategorie behandelt, sondern als eigenständigen Lernraum mit Durchlässigkeit. Dies ist in Kantonen eher der Fall, die in der Sekundarstufe I mit Niveauunterricht arbeiten. Dort ist das Stigmatisierungspotenzial geringer – aber nicht verschwunden.
Unsere Bildung muss neu gedacht werden: weniger in Ranglisten, mehr in Potenzialen; weniger in Selektion, mehr in Entwicklung. Dass viele Jugendliche erst in der Berufslehre aufblühen, zeigt, dass ihr Potenzial schon früher da war. Doch im bisherigen Bildungsweg entsprach es nicht den Erwartungen schulischen Lernens und konnte sich deshalb nicht wirksam entfalten.
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