Mehr Bauch wagen. Ein ungewöhnlicher Rat – gerade in der Bildung
erschienen in: Aargauer Zeitung / Die Nordwestschweiz, 20.07.2026, 2.
Endlich Sommerferien. Ausschlafen, Berge, Strand, die Seele baumeln lassen. Und vielleicht: mehr Bauch wagen. Damit meine ich nicht, den Bauch ständig einzuziehen, um fitter oder jünger zu wirken. Sondern die Bereitschaft, dem eigenen Gespür etwas mehr Raum zu geben. Die Sommerpause ist dafür ein guter Moment.
In der Wissenschaft heisst dieses Bauchgefühl Intuition. Sie hat keinen guten Ruf. Intuition gilt als subjektiv – als etwas, das dem Denken gegenübersteht. Was zählt, ist das Messbare, das rational Begründbare. Ob in Schule, Beruf oder privat: Wer entscheidet, soll erklären können, warum.
Doch genau darin liegt ein verbreiteter Irrtum. Intuition ist nicht der Gegenpol zur Vernunft. Sie ist eine ihrer Voraussetzungen. Je mehr Erfahrung ein Mensch besitzt, desto verlässlicher kann seine Intuition werden.
Intuition wird systematisch unterschätzt
Wer praktische Probleme löst oder sich in neuen Situationen zurechtfindet, handelt selten rein analytisch. Intuition ist kein mystischer Impuls, sondern verdichtete Erfahrung. Sie speist sich aus Erfahrungen, die unbewusst gespeichert werden. Oft «wissen» wir etwas, ohne sofort erklären zu können, warum. Dies ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.
Kinder ahnen oft schon, wie eine Aufgabe zu lösen ist, bevor sie erklären können, warum.. Lehrpersonen müssen im Unterricht spontane Entscheidungen treffen: Sie reagieren auf Fragen, Störungen oder Stimmungen. Für lange Analysen bleibt keine Zeit. Was dabei zum Tragen kommt, ist kein irrationaler Reflex, sondern ein Gespür, das auf Erfahrung beruht.
Trotzdem wird Intuition systematisch unterschätzt. Schule orientiert sich meist an dem, was überprüfbar ist: an klaren Lösungswegen und standardisierten Prüfungen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Ausbildung, wo angehende Lehrkräfte lernen, ihr Handeln möglichst lückenlos zu begründen. Intuition gilt schnell als unprofessionell – als etwas, das man überwinden muss.
Ein ähnliches Bild zeigt sich im Berufsleben. Entscheidungen sollen abgesichert und Risiken minimiert werden. Das ist sinnvoll – aber nicht ausreichend. Gerade in komplexen Situationen, in denen Informationen unvollständig oder widersprüchlich sind, greifen Menschen auf intuitive Urteile zurück. Führungskräfte sprechen dann von «Erfahrung», Handwerker von «Fingerspitzengefühl», Ärztinnen von einem «klinischen Blick». Gemeint ist stets dieselbe Form von Wissen, die sich nicht vollständig in Regeln übersetzen lässt.
Auch in Beziehungen spielt Intuition eine Rolle. Ob wir jemandem vertrauen, ob sich ein Gespräch stimmig anfühlt oder eine Entscheidung als richtig erscheint – das lässt sich selten rein analytisch klären. Natürlich kann man Argumente abwägen und Vor- und Nachteile vergleichen. Doch oft ist es am Ende ein Gefühl dafür, was passt.
Das bedeutet nicht, Intuition zu idealisieren. Sie kann täuschen und Vorurteile verstärken. Gerade deshalb ist ihre Verbindung mit analytischem Denken zentral. Gute Entscheidungen entstehen dort, wo beides zusammenwirkt: Intuition liefert schnelle Einschätzungen und kreative Impulse, Reflexion überprüft und präzisiert sie.
Unverzichtbare Ressource klugen Handelns
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Handeln wir intuitiv? Sondern: Wie bewusst tun wir es? Welche Erfahrungen prägen unser Gespür? Wo könnten wir uns täuschen? Intuition wird nur dann zur Kompetenz, wenn sie reflektiert und weiterentwickelt wird.
Wir sollten Bildung wieder stärker als Entwicklung von Urteilsfähigkeit verstehen und nicht nur als verfügbares Wissen – im Klassenzimmer, in der Ausbildung, im Privaten. Das jeweilige Umfeld müsste dann Raum geben für offene Fragen, Erkundung und das Ausprobieren unterschiedlicher Wege.
Die Welt ist nicht standardisiert. Sie ist komplex, vieldeutig und widersprüchlich. Wer sich darin orientieren will, braucht mehr als Regeln und Fakten. Es braucht ein Gespür für Menschen, Situationen und den richtigen Zeitpunkt.
Die Intuition ist aus ihrer Rolle als belächeltes Bauchgefühl zu befreien. Sie ist keine romantische Gegenfigur zur Vernunft, sondern eine unverzichtbare Ressource klugen Handelns – in Schule, Beruf, im Privatleben. Gerade jetzt in der Sommerpause könnten wir etwas mehr Bauch wagen!
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